Gorleben - Blick eines Polizeiseelsorgers
Pastoralreferent Thomas Langhorst
Polizeiseelsorger Osnabrück
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Ein farbiges Bild aus dem Wendland, der grüne Polizeiwagen, an dessen Innenspiegel das gelbe X der Gegner von Atommülltransporten hängt. Kein leichtes Bild für schwarz/weiß-Maler, aber nichts Überraschendes für Menschen, die öfter hinter die Scheiben von Einsatzfahrzeugen blicken, die öfter die Frauen und Männer hinter den Uniformen sehen und sprechen können. Als Polizeiseelsorger komme ich intensiver mit den Einsatzkräften ins Gespräch und höre immer wieder auch Verständnis: "Wenn ich hier wohnen würde, würde ich auch protestieren." Diese Polizisten akzeptieren, dass Protest im Rahmen der Spielregeln berechtigt sein kann. Ihre berufliche Aufgabe vergessen sie aber nicht: auf die Einhaltung dieser Regeln achten zu müssen. Das gelbe Kreuz im grünen Streifenwagen - vielleicht Ausdruck persönlicher Zustimmung - vielleicht Zeichen Respekts gegenüber der Meinung der betroffenen Bevölkerung. Respekt erwarten auch die Frauen und Männer in Polizeiuniformen in ihrer eigenen Aufgabe als Ordnungshüter. Das alles nehme ich wahr als Polizeiseelsorger und auch, dass es nicht immer klappt mit dieser Geste.
So wie am 11. November 2003 in Langendorf. Ich sitze in einem Gruppenfahrzeug, das zu einer brennenden Straßenbarrikade gerufen wird. Die Frauen und Männer der Polizei müssen sich jetzt vorschriftsmäßig vorbereiten: Schutzausrüstung anlegen, Gruppen bilden, Anweisungen entgegennehmen, eine Absperrkette am Straßenrand bilden. Helme und Schutzpanzer machen einen martialischen Eindruck, aber alle Anweisungen werden mit ruhigem Ernst ausgeführt. Ich bewege mich zwischen den verschiedenen Welten von Polizei und Demonstranten und beobachte das Geschehen. Die Absperrkette der Polizei befindet sich zwischen der brennenden Straßenbarrikade und einer etwas zurückliegenden Kirche. Darum laufen viele aufgeregte Gemeindemitglieder zwischen den Polizisten herum, überwiegend ältere Männer und Frauen. Umso befremdlicher ist für mich ihr Verhalten. Das hat nichts von Gelassenheit des Alters oder Respekt vor anderen Menschen an sich. Die Polizisten in Uniform werden heftig beschimpft, beleidigt und angeschrieen. Eine alte Frau ruft der neben ihr stehenden Mitstreiterin betont laut zu: "Zu Hause hat er nichts zu sagen, aber hier muss er den großen Max markieren." Das Wort "heiliger Zorn" kommt mir in den Sinn, aber nicht über meine Lippen. Es passt hier und jetzt nicht hin. Ruhige Erklärungen einiger Beamte über die Ausrüstungspflicht oder über den von der Bezirksregierung verhängten Sperrbereich rechts und links von der Straße helfen nicht, das Geschrei hört nicht auf. In dieser Situation habe ich Achtung vor der professionellen Ruhe dieser Polizisten, die sich nie provozieren lassen. Aber wie schwer ist es, sich nicht persönlich angegriffen zu fühlen, wenn man persönlich angegriffen wird? Wie schwer, einen Zugang zu christlichen Werten zu finden, wenn betont christliche Menschen keinen menschlichen Zugang zu sich selbst ermöglichen? Ich gebe zu: ich habe mich als Polizeiseelsorger geschämt für das unwürdige Verhalten dieser "Christenmenschen". Ich hoffe, die betroffenen Polizisten können so gut differenzieren wie ihre Kollegen, die sich das gelbe X ins grüne Polizeifahrzeug gehängt haben.
Thomas Langhorst, Pastoralreferent u. Polizeiseelsorger, Osnabrück
thomas.langhorst@polizeiseelsorge.org
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